Da wir uns im Trainingslager befinden, sollten die Etappen einen klaren Leistungsanreiz bieten, das heißt Kilometer oder/und Höhenmeter. Wir sprechen hier im Mittel von 95 Kilometer und 2400 Höhenmeter pro Runde.
Bis heute lag es an den nachmittäglichen Gewittervorhersagen, dass wir unser Soll noch nicht so recht erfüllen konnten. Heute gib es einen neuen Versuch durch die Ampezzo Süd Etappe.
Wir starten wieder früh und rollen aus Ampezzo in Richtung Osten. In Priuso beginnt der erste Anstieg auf die Forcella di Priuso (654 m ü.A.). Die kurze Abfahrt ins Tal des Tagliamento, der bedeutendste der letzten Wildflüsse der Alpen. Nochmals durchschnaufen auf der Brücke, dann geht’s los.
Gänzlich im schattigen Wald, bester Asphalt, nachdem 2021 das letzte Mal der Giro d’Italia über den Passo Rest führte. Ich stoße zu einer italienischer Rennradgruppe. Und wieder mal regen mich die mit Aufklebern versauten Passschilder auf. Ich verstehe den Sinn darin nicht und schon gar nicht, wenn der Passname unkenntlich gemacht wird. Also action!
Wir lassen die Radgruppe ziehen und folgen ihr ein wenig später nach Süden. 28 Kehren hinunter nach Tramonti di Sopra machen richtig Spaß. Willi und Manfred haben auf halber Strecke genug und drehen um.
Thomas und ich wollen in die Bar nach Tramonti zum Brunch. Mercolidì chiuso. Wir finden einen kleinen Lebensmittelladen, decken uns mit Obst und Wasser ein und setzen uns auf eine Bank gegenüber. Ein älterer, frisch aussehender Mann setzt sich neben uns und beginnt ein Gespräch. Er bewundert uns, als wir ihm erzählen, dass wir in Ampezzo gestartet sind, wir aber bewundern ihn, weil es 88 Jahre alt ist und immer noch – wenn auch jetzt mit dem E-Bike – auf den Passo Rest radelt.
Das Thermometer steuert mittlerweile auf die 30° zu. Die Wetter-App meldet Gewitter ab 16 Uhr. Aus Vorsicht beschließen wir nicht die Südrunde zu fahren.
Mal wieder 600 Höhenmeter mit Tempo. Das Training der letzten Tage zeigt Wirkung.
Um halb zwei sitzen wir wieder auf der Hotelterrasse. Was tun?
Ich hänge ein kleines Abenteuer dran und fahre durch die Schlucht auf der Via Sauris zum Stausee (der ist der aufgestaute Torrente Lumiei). Ich gehe es langsam an. Die Ruhe und die relative Kühle des Waldes sind eine ware Entspannung. Dann folgen die fünf Tunnel. Alle beleuchtet, feucht, kalt, mit Kopfsteinpflaster. Was für eine Erholung. Vorm letzten ist eine Baustelle zu Hangabsicherung. Ich schlängle mich an den Baumaschinen vorbei und erreiche den Stausee. Jetzt erst sehe ich, dass die Via Sauris komplett gesperrt ist. Es gäbe jetzt die Variante über den Passo Pura zurück nach Ampezzo, aber die Wetter-App sagt jetzt wieder Gewitter in einer Stunde. Das könnte ich gerade so schaffen, ist mir aber dann doch zu heikel.
Ich fahre die gesperrte Straße wieder ab. Ein Bauarbeiter schiebt sofort die Absperrblöcke (Kunststoff) beiseite, als er mich kommen sieht. Italien ist halt das Radlland Nummer eins.
Wir treffen uns in der Bar Centrale zu Panini, Bier und Espresso. Die Gewitter lassen auf sich warten. Mir fehlen noch einige Höhenmeter zum Tagesziel und ich mache mich auf den Weg zum Mauriapass. Beine ausfahren. Nach 20 Minuten fängt es dann doch zu tröpfeln an und ich drehe um. Job done!
Zufrieden denke an den achtundachtzigjährigen Mann.














