Colle Fauniera

Colle Fauniera. Den verheißungsvollen Namen dieses Passes in der Provinz Cuneo im italienischen Piemont hörte ich zum ersten Mal vor über zehn Jahren. In der Zeitschrift „Tour“ (Ausgabe 6, 2014) gab es einen Bericht über eine Radtour vom Genfer See zum Mittelmeer – fast ausschließlich auf italienischer Seite. Der Weg führte rustikal über Nivolet, Finestre, Sampeyre, einige namenlose Pässe – und eben den Fauniera. Bevor er diesen Pass anging, übernachtete der Autor in dem kleinen Örtchen Marmora im urigen Valle Maira und berichtete auch über seinen dortigen Gastgeber – und leidenschaftlichen Radfahrer: Ivan, den Junior-Chef des Albergo La Marmu.
“Ivans Mutter, Franca, steht in der Küche und putzt Pilze fürs Abendessen. Das Feuer im Herd lodert, es riecht nach Gewürzen. An den Wänden hängen Fotos von Ski- und Biketouren”, war in dem Bericht zu lesen. Das brachte mich auf den Geschmack, seitdem wollte ich unbedingt in diese entlegene Gegend.
Aber irgendwie klappte es nie – leider auch nicht, als Willi und Michi im Jahr 2018 dort die Pässe hochkurbelten.

Aber diesmal, im Sommer 2025, waren die Bedingungen ideal; auch die Wetter-Prognose passte. Nur in der Pension Marmu war niemand zu erreichen, also suchte ich eine alternative Unterkunft: Am 30. Juni, einem Montag, rief ich in der Albergo Ceaglio an und fragte, ob noch Zimmer für mich, meine Frau Claudia und meinen Sohn Noah, die mich begleiteten, frei wären. Ich hatte “Peter”, Urgestein im Albergo, am anderen Ende der Leitung. Klar, meinte er, Zimmer gebe es, und als ich ihm sagte, dass ich den Fauniera mit dem Rennrad fahren will, lachte er: “Da hättest du mal gestern kommen sollen. Da sind hier 4.000 Leute vorbeigefahren.” Peter meinte den Granfondo Fausto Coppi, der Vortag über den Fauniara rollte (Nächster Termin: 26.6.2026. Siehe auch: https://www.faustocoppi.net/).

Kurzum: Ich buchte das Albergo, das sich nicht nur als idealer Ausgangspunkt für Rennradtouren und sonstige Outdoor-Aktivitäten erwies, sondern auch eine perfekte (Radler-)Infrastruktur bietet (Werkstatt, E-Bike-Verleih sowie nützliche Hiking- und Biking-Tipps von Peter). Zudem bietet die im positiven Sinne als “Hoteldorf” konzipierte Anlage mit ihren geschmackvoll restaurierten Steinhäusern (…sowie Liegewiesen, Sauna, netten Leuten etc.) alle Annehmlichkeiten, die man sich wünscht – bis auf einige Abstriche bei der Kulinarik.

Käse kurz vorm Pass

Kurz vorm Pass

Andreas am Fauniera

Zurück zum Fauniera. Der schlummerte lange im Dornröschenschlaf. Erst 1999 wurde er vom Giro d’Italia wachgeküsst. “Alltags”, also abseits der Rennrad-Events, ist die Zahl der Radler aber immer noch überschaubar. Umso intensiver und schöner gestaltet sich das Erlebnis der urtümlichen Landschaft rund um einen Pass, der hinsichtlich seiner Namensgebung für Verwirrung sorgt. Die Einheimischen kennen ihn seit jeher als “Colle dei Morti” (Pass des Todes), weil hier 1744 spanische und französische Soldaten von Savoyer Feinden zu Tode gesteinigt wurden. Die Giro-Organisatoren wählten die aufgehübschte, weniger martialische Bezeichnung “Fauniera”, benannt nach einem felsigen Kamin, der die Ostseite des Passes überragt. Um das Durcheinander zu vervollständigen, steht auf dem (scheußlichen) Denkmal von Marco Pantani dann auch noch “Col Cuneo”. Egal: Wer hier oben steht, denkt nicht über Wortspielereien nach.
Zur Auffahrt selbst will ich hier nicht viel sagen. Das hat Michi (Sommerkino Marco Pantani) schon gemacht und ist auch auf quäldich.de ausgiebig beschrieben.

Bar im Kloster San Magno

Straße nach Marmora

Nur dies sei angemerkt: Von den drei möglichen Auffahrten habe ich die Ostrampe von Valgrana gewählt. Sie zieht sich über 31 Kilometer mit durchschnittlich 5,9 % Steigung bis zum Passchild auf 2.481 Meter. Insgesamt sind es 1840 Höhenmeter. Sehr schön ist der Wechsel der Landschaftsbilder: Erst Felder und Wiesen, dann ein Märchenwald mit plätscherndem Bach neben der Straße, schließlich die alpine Zauberlandschaft mit Traumblicken bis ins Tal, bizarren Felsformationen, duftenden Blumenwiesen, einsamen Sennereien, fröhlich pfeifenden Murmeltieren – und aus dem letzten Loch pfeifenden Radlern, die sich in dieser Idylle über eine Straße schieben, die kaum breiter als ein Radweg ist.
Der Anstieg bis Pradleves war moderat, danach ging es dann aber mit Rampen bis 15 % zur Sache. Wenn dann das Kloster San Magno auf 1760 Meter Höhe in Sicht kommt, ist der anstrengendste Teil aber geschafft. Im Kloster gibt es übrigens eine Bar, in der man sich für den restlichen Anstieg stärken kann (sehr zu empfehlen, da Verpflegungsstellen ansonsten rar sind). Was noch erwähnenswert ist: Die Strecke war über viele Kilometer neu geteert und daher sehr angenehm zu fahren. Kulinarische Randbemerkung: Während der Auffahrt passiert man den Ort Castelmagno, berühmt für seinen aromatischen Bergkäse mit geschützter Ursprungsbezeichnung (… über das hervorragende Essen im Maira-Tal ließe sich ein separater Artikel schreiben).

Rifugio Gardetta

Zeit für andere Outdoor-Unternehmungen blieb auch noch. Noah unternahm eine spannende Wanderung auf dem “Piergiorgio-Frassati-Weg”, bei der er sogar einen Wolf sichtete, der eine Bergziege (KEINEN Radler) jagte. Zu dritt haben wir zudem ein E-MTB-Tour unternommen – hinauf auf den Fauniera, dann nach zwei Kilometern in Richtung Demonte rechts ab auf eine alte Militärstraße bis zum Rifugio Gardetta, einem wunderbaren Ort inmitten der Hochgebirgsszenerie. Hier gab es dann deftige Speisen, darunter ein Riesen-Topf mit köstlicher Polenta, gekrönt von einem Dutzend grober Salsiccia-Bratwürste (https://www.rifugiogardetta.it/wp/).

Aber, wie gesagt: Kulinarik ist in dieser Gegend ein eigenes Thema.

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2 Anmerkungen zu “Pässe und Polenta im Piemont

  1. Toller Bericht und super Fotos!

    Da kommen bei mir gleich wieder die Erinnerungen an 2018 mit Michi hoch! Die Ecke ist eine der schönsten Ecken zum Radfahren die ich kenne! Besonders wenn auch die Straße noch neu getreert ist, das war bei uns 2018 leider noch nicht 😉

    VG

    Willi

     

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