Ich habe einen Traum! Ich war nicht nur dabei. Ich habe gefinished!

Falls jemand überraschenderweise nichts mit dem „Ötztaler“ anfangen kann, hier kurz die wichtigsten Zahlen. Wer ihn kennt kann´s überspringen.

Renntag: Sonntag, 30. August 2026, Start um 6:30 Uhr in Sölden (45. Ausgabe)
Strecke: 227 Kilometer Rundkurs von Sölden nach Südtirol und zurück
Höhenmeter: rund 5.500
Teilnehmer: etwa 4.000 Starter aus 40 Nationen
Route: Sölden – Oetz – Kühtai – Innsbruck – Brenner – Sterzing – Jaufenpass – St. Leonhard – Timmelsjoch – Sölden

Die vier Pässe in der Reihenfolge, wie sie gefahren werden:

  1. Kühtai: 18,5 km, 1.200 Hm, höchster Punkt 2.020 m, durchschnittlich 7 % Steigung, max. 18 %.
    Highlight ist der „Stopfer“: 1,2 km mit 18 % Steigung.
  2. Brenner: 37 km, 777 Hm, höchster Punkt 1.377m, durchschnittlich 3 % Steigung, max. 12 %.
    Der „kleinste“ Pass, aber ab Innsbruck lang und mit Gruppenfahrt-Potenzial.
  3. Jaufenpass: 16 km, 1.130 Hm, höchster Punkt 2.094 m, durchschnittlich 7 % Steigung, max. 12 %.
    Hier steht die Zeitnahme, an der es für viele eng wird.
  4. Timmelsjoch: 28,7 km, 1.759 Hm, höchster Punkt 2.509 m, durchschnittlich 8 % Steigung, max. 14 %.
    Der Schlussakt.

Die lieben Kinder

Alles begann mal wieder mit einer „witzigen Idee“ meines Sohnes Lukas. Nach dem Radrace „One Twenty“ in Sonthofen 2025 dachte er sich: „Jetzt erst recht, da geht noch mehr.“ Ohne Rücksprache meldete er „Ronny and the Pacemaker“ für den Ötztaler Radmarathon an. Der dritte Mann im Bunde ist auch ein absolut Fahrradverrückter: Gregor, der Freund meiner Tochter. München–Mailand unsupported, fährt er mal kurz vor dem Ötztaler, er war ja schon angemeldet.

Ich legte sofort mein Veto ein, als ich das erfuhr, und machte meinen Unmut deutlich. Mein Sohn sagte, die Chancen seien bei rund 22.000 Bewerbern und gerade mal etwa 4.000 regulären Startplätzen ohnehin nicht hoch. Ich hielt dagegen: Wer etwas nicht will, wird ausgelost. Rein rechnerisch standen die Chancen 2026somit bei etwa 1:6. So viel vorab, ich sollte mal wieder Lotto spielen.

Im Februar kam dann der Jubelschrei bei meinen beiden „Pacemakern“. Wir wurden ausgelost! Meine Freude hielt sich zunächst in Grenzen, denn ich fragte mich sofort: Wie soll ich das schaffen?

Die Vorbereitung

Zuerst sagte ich zu und buchte das Hotel. Dann erklärte ich meiner Frau, dass ich für das nächste halbe Jahr nur noch bedingt ansprechbar bin. Kilometer- und Höhenmeterfressen stand auf dem Programm. Sie nahm es mit Fassung (was man nicht alles für eine fantastische Ehe tut).

Im März ging es zum Trainingscamp nach Mallorca, ähnlich wie im Jahr davor. Ein Highlight war die Königsetappe zum Puig Major. Dort lernte ich zum ersten Mal, was passiert, wenn man zu wenig isst und trinkt. Bis oben lief es gut, dann wurde mir der Stecker gezogen. Die Lehre ist seither fest eingebrannt, rechtzeitig und regelmäßig essen und trinken, egal wie hoch es geht.
Ob das mit dem Ötztaler wirklich etwas wird, war danach immer noch oder gerade deshalb offen. Also sammelte ich weiter Kilometer um Kilometer.

Bikefitting, Leistungsdiagnostik, Auswertung und die Ableitung eines Trainingsplans mit „Claude“ gaben den letzten Schliff.

28. und 29. August – Ankunft in Sölden

Warmfahren Vent

Dann ging es endlich los. Die Spannung stieg, die Nervosität auch. Am Freitag fuhren wir uns locker Richtung Vent ein. Das war fantastisch: euphorische, grinsende Gesichter, alle froh, hier zu sein, riesige Vorfreude auf den 30. August.

Gute Freunde wollten uns am Samstag zum Warm-up treffen. Ein letztes Aufputschen, Motivieren vor dem Hotel, und kurz nach der Abfahrt habe ich zu ihnen, samt meinen Pacemakern, den Anschluss verloren. Die waren gut drauf, und ich konnte schon hier verinnerlichen: “Halt dich an deinen Pacingplan“! So fuhr ich allein in Richtung Vent und genoss die fantastische Landschaft.

Sonntag, 30. August – Renntag

Kühtai, Brenner

Die Nacht, gefühlt keine Minute Schlaf. Meine Uhr behauptete allerdings ich hätte 5 Stunden gut geschlafen. 4:15 Uhr Wecker, 4:30 Uhr Frühstück, 5:30 Uhr Startaufstellung, 6:30 Uhr Start.

Die ersten 40 Kilometer rollten Richtung Oetz, danach waren es „nur noch“ 180. Das fand ich ausgesprochen machbar. Am Kühtai kam ich 20 Minuten vor der Cut-off-Zeit an. Ein Polster sieht anders aus.

Dann ging es Richtung Brenner, den kannte ich gut von unseren Bike-Trips zum Gardasee. Alle sagten: „Such dir eine gute Gruppe.“ In Innsbruck schaute ich mich nach meiner um. Sie war leider hinter mir, und so richtig bemühte sich keiner, mich von vorne abzulösen. Ich hängte mich an eine andere Gruppe und fuhr in der Mitte mit, um Körner zu sparen. Vorne zog ein junger Kerl zügig durch, aber irgendwann war auch bei ihm Schluss. Er schaute zurück und wartete darauf, dass jemand übernimmt. Es passierte nichts, die Gruppe ging in die Breite. Nach kurzem Zögern hängte er sich wieder vorne dran und brachte uns bis Steinach. Danke dir, unbekannterweise.

Der Brenner, bisher ein Hammerberg, wirkte auf einmal so klein. Ich war hier so schnell wie noch nie oben. Beschleunigt wurde das noch aus anderen Gründen: Ich musste ein paar Minuten für ein dringendes Geschäft opfern. Radsportlernahrung ist eben nicht immer magenfreundlich.

Jaufenpass – das war knapp

Jetzt wurde es spannend, denn ich musste spätestens um 14:30 Uhr den Jaufenpass passiert haben, sonst hieß es Bus fahren.

Die Verpflegungsstation kam in Sicht und mir war klar: Ich habe nur noch 10 Minuten, brauche aber noch locker eine Viertelstunde. Schnell Wasser fassen, dann ging es erst 100 Meter weiter zur Zeitmessung. Das konnte nichts werden. Ich überlegte schon, mit welchem Bus ich fahren würde und wie mein Rad im Hänger verstaut wird. Der Körper fuhr herunter, obwohl es bergauf ging und noch Kraft gebraucht wurde.

An der Station schaute der Chef irritiert auf uns, weil wir so gemütlich heranrollten. Vielen ging es wie mir. Wir dachten: Zeit vorbei, was soll’s. Er sagte nur: „Jungs, Mädels, Wasser fassen, Gel fassen und dann ab zur Zeitnahme. Oben ist der Pass zu Ende, jetzt gebt ein bisschen Gas!“ Wer es bis hierher geschafft hatte und gut unterwegs war, durfte weiterfahren. Was für ein Gefühl auf dem höchsten Punkt des Passes? Jetzt war mir klar, wenn nicht heute finishen, wann dann?

In Sölden und anderswo herrschte inzwischen bei der Familie Aufregung. Mein GPS-Signal fehlte, und ich war knapp dran. Sie dachten, ich sei raus und genieße die Rückfahrt. Ich dagegen suchte nach Wasser. Es wurde immer wärmer, klar, wir sind in Italien. Am Ende der Abfahrt vom Jaufenpass hatte das Team SCYENCE (betreuten u.a. Sebastian Breuer) seine improvisierte Station aufgebaut. Einige Leute (so mein Eindruck) standen kurz vor dem Verdursten, das Wasser war auf der Abfahrt schlicht ausgegangen. Die Hitze hatte uns so getroffen, dass jeder seine Flaschen leer getrunken hatte. Die Hilfe war perfekt, und danach ging es entspannt in Richtung Timmelsjoch.

Timmelsjoch – 23 Kilometer Kopfkino

Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie ich da hochgekommen bin. Es hieß nur treten, treten und im Kopf alles Mögliche verarbeiten. Entlang der Strecke hinauf konnte man aber einige richtig leiden sehen: Krämpfe, Muskelfaserriss (ohne Scheiß), Überanstrengung. Nach 10 Kilometern gab es eine Verpflegungsstation in Schönau. Neben mir packte einer sein Rad und sagte: „Wenn ich ins Ziel komme, verkaufe ich dich.“ Ich hoffe, sein Bike hat ihm das nicht übel genommen, denn es gab keine Option außer Weiterfahren.

Dann endlich die Passhöhe: Partystimmung, Abklatschen und das Gefühl, jetzt geht es nur noch bergab. Nicht ganz. Nach der Bergstation wartet noch ein gemeiner Anstieg von rund 100 Höhenmetern, den ich ehrlich gehasst habe. Auch der ging vorbei, und dann folgte die Genussfahrt nach Sölden.

Zieleinlauf

Unvergesslich, wie im Traum. Ab der Abfahrt bei Vent waren die Autos wieder zugelassen, und ich war in einer völlig anderen Welt unterwegs als die Partygänger und Fußgänger am Straßenrand. Kurz vor dem Ziel rief und jubelte mir meine Familie zu. Ich habe sie in meinem Tunnelblick kaum erkannt, aber das Abklatschen klappte noch. Ein paar gute Schnappschüsse sind auch gelungen.

Nach 13 Stunden und 8 Minuten war ich im Ziel.

Ronny im Ziel

Dann macht dein Körper etwas mit deinem Geist, was du so nicht erwartest: komplette Euphorie, Freude, es geschafft zu haben, und das alles freiwillig. Ein paar Minuten brauchte ich für mich allein. Als es mir richtig bewusst wurde, kamen die emotionalen Momente. Erst mit meiner Frau und meiner Tochter, und dann ein sehr, sehr bewegender mit meinem Sohn.

Später erfuhr ich, dass er sich unterwegs gar nicht mehr aufs eigene Rennen konzentriert hatte, sondern ständig nach seinem Papa Ausschau hielt. Bei seinem ersten Start 2025 ist er das Rennen noch voll auf Zeit gefahren, mit einem saustarken Ergebnis. Dieses Jahr ging das aus verschiedenen Gründen nicht, für ihn hieß es nur genießen, und das ist ihm gut gelungen.

Abend – Auf Wolke Sieben!

Meine Beine waren erstaunlich locker. Ich konnte gut laufen und schwebte förmlich auf einer Wolke. Im Hotel herrschte an dem Abend eine euphorische, coole Stimmung bei allen, die es geschafft hatten. Das Essen schmeckte besser denn je.

Und dann entfuhr ein lustiger Gedanke: Wie fahren wir nächstes Jahr den Ötztaler? Da kam schon der Zwischenruf meiner Frau: „Dann lasse ich mich scheiden.“

Zum Schluss

Ohne eine starke Familie kannst du so etwas nicht stemmen! Diese Familie leidet, wenn sie nicht direkt im Rennen ist und nur an der Strecke steht, vermutlich noch mehr als du selbst. Als mein Sohn 2025 zum ersten Mal startete, war ich Zuschauer, Fan und so konnte ich mir vorstellen, was meine Familie durchmacht.

Der Ötztaler wird seinem Ruf gerecht: Ich habe einen Traum. Und ich durfte ihn erleben.

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